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Impuls: Dankbarkeit

19.10.2021 | Vor kurzem hatte ich ein Foto in den Händen, welches meine Mutter vor einem guten Jahr zeigt...

Vor kurzem hatte ich ein Foto in den Händen, welches meine Mutter vor einem guten Jahr zeigt. Ihr Blick ist darauf wach und zielgerichtet, aufmerksam und lebendig. Das Foto hat mich schmerzhaft daran erinnert, wie rasant die Demenz meiner Mutter in diesen zurückliegenden 15 Monaten fortgeschritten ist. In diesen Tagen ist meine Mutter eine andere und zugleich ist sie immer noch meine Mutter. Jetzt geht ihr Blick häufig ins.. ja wohin eigentlich? Sie sitzt im Rollstuhl, meist vorne über gebeugt, so als habe sie sich aus der Welt verabschiedet. Unsere Katze, die sie immer mit „Muschi“ begrüßte, nimmt sie nicht mehr wahr.  Manchmal denke ich, sie befindet sich in einer Art Kokon, von der Außenwelt nicht mehr erreichbar, zurückgezogen in ihre kleine Innenwelt. Was spielt sich da in ihr ab? Ich weiß es nicht. Hat sie überhaupt noch ein Verhältnis zu sich, zu ihren Erinnerungen, zu ihrer eigenen Innenwelt?

Als ich ihr Foto vom Frühsommer des letzten Jahres betrachtete, wurde ich traurig. Mir wurde bewusst, wie stark sich meine Mutter aus dem Leben zurückgezogen hat.

Dennoch besuchen wir sie so oft wie möglich. Letzten Freitag waren wir mit ihr auf dem Wochenmarkt. Sie hielt den Einkaufskorb, der sich mit Weintrauben, Salat, Eiern, Milch, Brot und Schafskäse füllte. Uns scheint, dass sie besonders auf Blumen reagiert. Daher kauft meine Frau immer einen bunten Blumenstrauß und legt ihr diesen in die Hand. Herr Stegemann begrüßt meine Mutter immer mit lauter, freundlicher Stimme „Hallo, Frau Große!“ Ihr Name ist Heimat. Sie wird in den Blick genommen. Das verleiht ihr auch als demente Frau einen Wert.

Neulich saß ich mit meiner Mutter in der Herbstsonne und hatte für sie Musik von Mozart angestellt. Ich reichte ihr Eis, dass sie offensichtlich mit Genuss aß. Dabei schaute ich ihr in die Augen und sagte „Haben wir es nicht gut zusammen, Mutti?“ Sie erwiderte meinen Blick und hauchte „Ja“.  Ein Wort nur. Ein so wunderschöner, wacher Moment voller Leben.
Dieser Moment war der Himmel auf Erden.
Ein Geschenk, für das ich tiefe Dankbarkeit empfunden habe.

Dirk Große, Pastor