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Altenholz

Friedensgruppe zum Ukraine-Krieg

10.03.2022 | Die Friedensgruppe Altenholz hat eine Einschätzung zum Krieg Putins gegen die Ukraine veröffentlicht. Darin bewertet sie insbesondere die Reaktion Deutschlands.

Foto: Andreas Zeddel

Wer Frieden sucht 

wird den anderen suchen
wird Zuhören lernen
wird das Vergeben üben
wird das Verdammen aufgeben
wird vorgefasste Meinungen zurücklassen
wird das Wagnis eingehen
wird an die Änderung des Menschen glauben
wird Hoffnung wecken
wird dem anderen entgegenkommen
wird zu seiner eigenen Schuld stehen
wird geduldig dranbleiben
wird selber vom Frieden Gottes leben -
Suchen wir den Frieden?

(Schalom Ben-Chorin)

Mit diesem Text von Schalom Ben-Chorin gingen wir im Gottesdienst am Sonntag, den 6.3. in die Stille. Kann man in Zeiten des Krieges den Frieden suchen? Natürlich, Ja - ach werde doch Friede, Gott. Wir wollen so sehr suchen. 

Die Friedensgruppe der Kirchengemeinde Altenholz hat sich mit einem Teilaspekt dieses Krieges beschäftigt: der deutschen politischen Reaktion, u.a. mit Entscheidungen den Rüstungsetat betreffend. Wir stellen unsere Einschätzung hier online. Es ist die Suche nach Hoffnung; es ist – auch wenn das Wort Gott in dieser Einschätzung nicht vorkommt – eine Form des Suchens und Betens und Flehens – um ein Ende der Gewalt.

Putins Krieg in der Ukraine – und die deutsche Reaktion

Es ist Krieg. Dieser Krieg ist wie jeder Krieg entsetzlich und menschenverachtend.

Da wir alle gehofft hatten, dass die immer massivere Drohkulisse Putins eine Drohkulisse bleiben und Diplomatie einen Weg finden würde, hat das Erschrecken über den Krieg uns alle doch unerwartet erfasst. Niemand kann im Angesicht dieser ‚Grenzüberschreitung‘ nun bei alten Denkmustern und Zuweisungen bleiben. Viele in der Friedensbewegung konnten bisher Putins ‚Frustration‘ über die NATO-Osterweiterung und -Manöver an den Grenzen Russlands in begrenztem Maße nachvollziehen; ein Angriffskrieg ist nie nachvollziehbar. Dieser Krieg erschüttert uns, macht uns hilflos und wütend. Wie handeln wir ‚richtig‘?

Noch ist unklar, ob die harten wirtschaftlichen Gegenmaßnahmen, die alle Diplomatie stets als Androhung mit im Gepäck hatten, nicht doch zur Niederlegung dieses Konflikts entscheidend sein werden. Wie sind die drei Tage nach Kriegsbeginn im Bundestag vollzogene Wendungen zur weitreichenden Aufrüstung und dem Setzen auf nukleare Teilhabe einzuschätzen? Sind es zukunftweisende Entscheidungen? Das kann bezweifelt werden. Warum?

Es war richtig, den Aufmarsch russischer Truppen an der ukrainischen Grenze mit klaren Worten als unerträgliche Drohung zu kennzeichnen.

Es war richtig, über Wochen mit diplomatischen Bemühungen die wirtschaftlichen Folgen zu benennen, die mit einer Verwirklichung der Drohung einhergehen würden. 

Es war richtig, stets zu betonen, dass selbst bei einer Generaloffensive Russlands mit dem Ziel, die gesamte Ukraine einzunehmen, die Antwort des Westens nicht militärisch sein wird.

Es war richtig, dass durch diese Haltung eine Tür für diplomatische Lösungen offengehalten wurde.

Nun scheint alles anders zu sein. Es scheint nur eine Täuschung gewesen zu sein, was in den Wochen und Monaten vor dem 24.2.2022 von russischer Seite veranstaltet wurde.

Jedoch – ES IST GERADE NICHT ALLES ANDERS.

Da die deutlichen wirtschaftlichen Folgen greifen werden. Da nach der Demaskierung der machtpolitischen Entschlossenheit Putins für seine Ziele über Leichen zu gehen, nun der „Westen“ trotz der uns selbst treffenden Folgen der Sanktionen, mit entsprechender Entschlossenheit seine Gegendrohung verwirklicht. 

Im Angesicht des Leids der Ukrainer in diesem nun über eine Woche währenden Krieges entsteht dennoch ein großes Gefühl der Ohnmacht. Die Ohnmacht, Leid und Tod in diesen Tagen nicht verhindern zu können.

Das Gefühl ‚unterlassener Hilfeleistung‘ entsteht in uns trotz aller diplomatischen Anstrengungen und trotz des Wissens, dass kein anderes Auftreten im Vorfeld besser gewesen wäre. Solidaritätsbekundungen gegenüber der Ukraine können dieses Gefühl nur kaum beruhigen. 

Auch wir sind gefühlsmäßig im Krieg, auch wir fühlen uns bedroht. Unser ‚Stress‘ ist nichts gegen das Leid und die Angst, die UkrainerInnen aktuell durchleben. Dennoch: es gibt zwei allg. menschliche Reaktionen auf Stress: die Flucht oder auf der anderen Seite der Angriff, der Widerstand, die Gewalt. Im Krieg in der Ukraine, wie auch in unserer Gesellschaft.

Ist weder Flucht noch Angriff möglich, wird das menschliche Selbstverteidigungssystem gestört, ja zerstört, traumatisiert. Normale Reaktionen auf Gefahren verlieren dann ihren Nutzen und tendieren dazu, in einer veränderten, übersteigerten Form zu überdauern.

Wo stehen wir – was bestimmt unser Denken und Fühlen? 

Wo wir nicht in Ohnmacht versinken wollen, ist und bleibt das starke Gegenhalten unsere angeborene Lösung. Stärke zeigen durch etwas, was man in der Hand halten kann: Einen Stein, ein Gewehr, ein Molotow-Cocktail, den Abzug einer Haubitze. So ist unsere Entscheidung zur ‚uneingeschränkten‘ Aufrüstung, zur Drohung mit Waffen auch verständlich – es ist ein uralter menschlicher Reflex, der hohe Risiken in sich birgt.

Den Kurswechsel hin zu deutschen Waffenlieferungen nennt Robert Habeck die ‚richtige‘ Entscheidung. „Sie ist richtig, aber ob sie gut ist, das weiß heute keiner“, sagte Habeck. Denn wer weiß schon, wie sich der Krieg entwickelt und wer weiß, welche weiteren Entscheidungen aus dieser Entscheidung heraus getroffen werden.

Was wir brauchen, sind keine Entscheidungen aus Betroffenheit. Die „Wahnsinnseinigkeit“ die momentan die Aufrüstungsentscheidungen trägt, ist nicht gut.  Es ist so wichtig, rational zu bleiben und die Risiken, die sich aus Waffenansammlungen – gar nuklearen – in unserer Welt ergeben, richtig einzuschätzen. Denn wir waren und sind NICHT wehrlos, wir haben uns NICHT weggeduckt.

Wir haben (zumindest hoffen wir das) KEINE Mitschuld an diesem Krieg.

Wir haben das andere, das wirtschaftliche Gegenhalten angedroht – es ist nicht ausgemacht, ob wir damit letztlich weniger Tote zu beklagen haben, als mit einem Weg, der irgendwann zum militärischen Konflikt zwischen Russland und der NATO entgleiten kann.

Wir glauben: Unsere lebendige und schöne Welt können wir nur ZUSAMMEN erhalten.

Wir hoffen weiterhin, dass sich selbst unliebsame Regime besser durch Handel und Dialog als durch Machtdemonstrationen verändern lassen.

Trotz diesem Krieg werden wir unsere Hoffnungen nicht begraben – Hoffnungen auf Deeskalation und Kooperation in (ferner?) Zukunft. MITEINANDER reden ist weiterhin der Weg zum Frieden, nicht das Drohen. Auch wenn dieser Krieg nicht verhindert werden konnte - lernen wir an den Wirkungen der Sanktionen auch ohne Waffengewalt stark zu sein.

„Pazifismus (Frieden-Machen)“ heißt nicht schwach zu sein! Ein Milliardenpaket zur Aufrüstung wird uns nicht automatisch stärker machen – im Gegenteil birgt es die große Gefahr des Eintritts in eine Rüstungs- und Gewaltspirale mit apokalyptischem Ausgang.

Nelson Mandela wird der Satz zugeschrieben: „Mögen Deine Entscheidungen deine Hoffnungen spiegeln, nicht deine Ängste.“.

Wir werden die Flüchtenden unterstützen.
Wir werden die Folgen der Wirtschaftssanktionen gemeinsam tragen und gerecht verteilen.
Wir werden mit Blick auf die vielen friedliebenden Russen, einem kollektiven Russland-Feindbild entgegentreten.
Wir werden versuchen, sichtbare Zeichen der Solidarität und des Friedenswillens zu setzen.

In großer Trauer über die Toten des Krieges -
In großer Trauer über die Vertriebenen und Traumatisierten der Kriege - 

Für die Friedensgruppe: A. Zeddel